Sensorischer Trotzanfall- Was nun?

Strategien für einen WutausbruchHeute war es wieder einmal soweit. Unser Kind hatte einen Wutausbruch, Trotzanfall, Gefühlsausbruch oder wie auch immer man sagen möchte. Für uns war es unser Liebling, der weinte, schrie, stampfte, hüpfte, brüllte und einfach nicht zu bändigen schien. Es schien als würde ein Vulkan in diesem kleinen Jungen ausbrechen. Ausbrechen, explodieren und ihm keine Chance auf Beruhigung geben…

Nun, das Wort Trotzanfall ist wahrscheinlich eines der am häufigsten benutzten Worte zwischen Eltern und vermutlich auch allen anderen Personen, die Eltern mit ihren Kindern beobachten. Und vermutlich ist ein Wutausbruch auch die größte Herausforderung für uns Eltern. Sollen wir doch dabei ruhig bleiben, uns nicht aufregen und irgendwie versuchen unser Kind zu beruhigen. Während das Kind uns beim Hochheben ins Ohr brüllt, den Hund zum Jaulen bringt und uns unter Stress setzt.

Ein „normaler“ Wutausbruch könnte sich auf ein Kind beziehen, welches tretend und schreiend, beißend oder spuckend ist… oder ein Kind, welches einfach nicht aufhören kann zu weinen oder ein Kind, welches in einer unpassenden oder aggressiven Art und Weise auf eine Situation reagiert. Ein Kind auf der Suche nach Aufmerksamkeit oder ein Kind, welches mit seinem Handeln versucht ihren Weg zu finden.  Ein Kind, welches die gesamte emotionale Kontrolle verliert.

Wenn man aber die Probleme bei der Verarbeitung von sensorischen Reizen und die Schwierigkeit zur SeWutausbruchlbstkontrolle mit einander vermischt, dann hat man ein ganz anderes Szenario.

Es gibt einen Unterschied zwischen einem „normalem“ Wutausbruch und einem sensorischem Wutausbruch.

Ich glaube, dass das größte Problem von uns Erwachsenen ist, dass wir nicht wissen WARUM das Kind einen Wutanfall hat. Die meisten Erwachsenen  haben auch nicht gelernt, WIE sie dem Kind helfen können. Oftmals fallen Trotzanfälle in die Kategorie der „normalen“ Wutausbrüche, aber es gibt auch einen Prozentsatz an Kindern, deren Verhalten nicht unter diese Kategorie fällt, nämlich unsere sensorischen Kinder.

Jedes sensorische Konzept beinhaltet jedoch das Wissen, dass:

Kinder von Natur aus zufrieden sein möchten, sie möchten sich nicht absichtlich schlecht benehmen oder in Schwierigkeiten geraten.

Wenn man über sensorische Wutausbrüche spricht, dann ist es wichtig, dass man sich vor Augen hält, dass das Verhalten des Kindes in diesem Moment nichts mit Aufmerksamkeit suchend zu tun hat, mit einem schlechten Verhalten oder auch, dass das Kind versucht etwas zu wollen. Natürlich kann dies auch zutreffen, aber meistens sind die Gründe tiefer verwurzelt.

Häufige Gründe für einen sensorischen Wutausbruch können sein:

  • Reizüberflutung
  • Dysregulation und die Unfähigkeit der Selbstkontrolle
  • „Kampf oder Flucht“ Reaktion auf Reizüberflutung
  • Schwierigkeiten neue oder schwierige Situationen zu bewältigen
  • Probleme mit der Kommunikation von Wünschen und Bedürfnissen
  • Schlafmangel oder Übermüdung
  • Veränderung der Routine

Wie kann ich meinem Kind helfen?

Die meisten sensorischen Wutausbrüche rufen in den Kindern eine „Kampf oder Flucht“ Reaktion im Gehirn des Kindes hervor. Und das macht das Handling mit dem Kind auch so schwierig. Wenn wir uns vorstellen, wir sind mit einem Löwen in einem kleinen Gehege eingesperrt, welche Gefühle würden wir empfinden- Kampf oder Flucht?Welche Gefühle würden wir noch haben? Würden wir schreien, um uns schlagen, leise sein, den Löwen angreifen? Diese Frage kann jetzt jeder von uns selbst beantworten.

Folgende Möglichkeiten können bei einem sensorischen Wutausbruch helfen:

  • den Wutausbruch nicht als Verhalten behandeln
  • herauszufinden, ob es vielleicht einen sensorische Auslöser gibt
  • überlegen, ob es eventuell einen Mangel an wesentlichen einen sensorischen Inputs oder Reizen gibt
  • Verständnis der Kampf oder Flucht Reaktion des Gehirns

Die Kampf oder Flucht Reaktion des Gehirns – das Verständnis für das sympathische Nervensystem

Wissenschaftliche Studien zeigen, das Kinder mit sensorischen Verarbeitungsstörungen eine größere Neigung haben vom parasympathischen Nervensystem auf das sympathische Nervensystem umzuschalten. Dies tritt vor allem bei negativen Stimuli oder der Umgebung auf. Aber auch bei neuen oder zu vielen Sinnesreizen.

Parasympathikus : Er gehört zum vegetativen Nervensystem. Er ist beteiligt an der unwillkürlichen Steuerung der meisten inneren Organe und des Blutkreislaufs. Er wird auch als „Ruhenerv“ oder „Erholungsnerv“ bezeichnet, da er dem Stoffwechsel, der Erholung und dem Aufbau körpereigener Reserven dient (vgl. Wikipedia). Er steht also in Bereitschaft für das Lernen , die soziale Interaktion, Aufmerksamkeit und Wachheit.

Sympathikus: Er steuert die gegenteilige Funktion des Parasympatikus. Bei besonderer Belastung (z.B. Stress) führt er zur Leistungssteigerung des Organismus. Er ist also zuständig für die Einschätzung von Gefahr und kann so auf verschiedene Situationen entsprechend reagieren.

Warum haben die Kinder aber so häufig eine Flucht oder Kampf Reaktion?

Kinder mit sensorischer Defensivität oder einer Überreaktion auf sensorische Reize nehmen ihre Umgebung als gefährlich oder schmerzhaft war. Und genau dies löst eine Verschaltung im Gehirn aus und somit einen Wechsel vom Parasympathikus zum Sympathikus und dies führt zur „Kampf oder Flucht“ Reaktion.  Wenn ein Kind nun Schwierigkeiten mit der sensorischen Verarbeitung von Reizen hat, löst dies also in diesem Moment eine Kampf oder Flucht Reaktion aus. Die meisten „sensorischen“ Kinder haben Schwierigkeiten mit der Selbstregulation und daher kommt es auch zu diesen Reaktionen: Kampf oder Flucht.

Wie sieht so ein sensorischer Wutausbruch nun aus?

Es gibt eine Vielzahl an Reaktionen, dies hier sind einige davon:

  • Schlagen, Treten, Beißen , Spucken
  • der Versuch, der Situation zu entlaufen oder zu entkommen
  • der Versuch, sich zu verstecken (Tisch oder Stuhl)
  • Eingraben in den Körper anderer (hier wird Augenkontakt vermieden)
  • auf dem Boden zu einer Kugel zusammenzurollen
  • die Ohren oder Augen  verdecken
  • Weinen oder Schreien
  • sich im Schrank, unter dem Bett oder unter der Bettdecke verstecken
  • völlig abzuschalten ohne zu sprechen oder zu reagieren
  • einschlafen

Wie sollen wir Eltern reagieren?

  • Bitte sieh das Verhalten deines Kindes nicht aus der Sicht des schlechten Verhaltens. Denn diese Ansicht wird dir vermutlich nicht weiterhelfen. Das Gehirn reagiert nicht auf kortikale Verhaltensweisen wie etwa Urteilsvermögen und logischem Denken. Es hat sich zum Sympathikus verschoben- eben Kampf oder Flucht.
  • Nimm dein Kind aus der momentanen Situation heraus und reduziere die Sinnesreize auf ein Minimum.
  • Gib deinem Kind die Möglichkeit für einen sensorischen Rückzug. Ein Spielzelt, eine Hängehöhle, Hängematte oder auch weiche Kissen mit anderen beruhigenden sensorischen Gegenständen können hier helfen. Möglichkeiten von Gegenständen wären leise Musik, Vibrationen, eine schweren Decke (Gewichtsdecke), Geräuschreduktion mit Hilfe von Kopfhörern oder dem Einrollen in einer Decke.
  • Lass deinem Kind Zeit. Versuche den sensorischen Rückzug zu verstehen und es zu seinen eigenen Bedingungen wieder zurück kommen zu lassen.
  • Versuche nicht mit deinem Kind zu sprechen, vor allem etwas zu besprechen oder zu rationalisieren. Dein Kind kann für diese Art von Gespräch noch nicht bereit sein. Verschiebe solche Gespräche auf später.  

 

Hier noch eine kleine Hilfestellung in Kurzform um schnell und bündig alle Infos zu haben:

Strategien für einen Wutausbruch

Alles Gute und viel Kraft für den nächsten Wutausbruch!

Alles Liebe Pia

 

 

 

 

 

 

 

5 comments

  1. Limalisoy says:

    Liebe Pia,

    das beschreibt recht deutlich, mit was man es zu tun bekommt. Meine Kleinste ist so ein Persönchen – hochsensibel und deswegen nicht in der Lage, reize zu filtern. Im Nu kann aus einem gemeinsamen Spiel die reinste Hölle für sie werden- gerade erst in dieser Woche… : Alle Kinder spielen draußen Verstecken und nach der fünften Runde bekommt die Kleine einen sensorischen Anfall! Müdigkeit und ein vermeintliches Scheitern im Spiel kommen zusammen: Sie schreit, weint und für sie selbst bricht die Welt zusammen – erst recht, als die anderen Kinder auf sie eingehen wollen. Da hilft dann wirklich nur noch eins: Mit dem Kind in eine ruhige Ecke gehen, die anderen Kinder weiterspielen lassen und dem Anfall liebevoll Raum zum Runterkommen zu geben. Nach 20 Minuten war der Spuk vorbei und sie war wieder in der Lage, ganz normal mitzuspielen. Nicht immer einfach für andere Kinder, die nicht verstehen, was in meiner Kleinen vorgeht – denn sie ist dann in sich selbst gefangen und kann sich nicht äußern.
    Viele Eltern sehen sich mit meiner Tochter überfordert und möchten nicht, dass sie nach dem Kindergarten mit ihren eigenen Kindern spielt – so wird sie schon von vornherein ausgegrenzt – vielleicht sollte ich denen mal das Buch empfehlen!
    Liebe Grüße
    Yvonne

    • meand3kids says:

      Hallo Yvonne, gerade das was du beschreibst ist ja dann oft das Problem. Das Kind bekommt einen Stempel und selbst
      wenn es sich noch so bemüht, hat es diesen eben einmal bekommen. Das zieht sich dann immer weiter, Schule, Freunde, andere
      Eltern. Ich wünsche euch viel Kraft und hoffe, dass ihr es schafft diesen Kreislauf zu durchbrechen. Denn… deine Tochter
      kann nichts dafür und sie macht es auch nicht absichtlich, es ist die Umwelt, die ihr Verhalten nicht versteht. Alles Gute Pia

  2. Liz says:

    Vielen Dank!! Endlich einmal ein Artikel über Wutanfälle mit dem ich etwas anfangen kann. Unsere Tochter hat täglich mindestens einen Anfall dieser Sorte. Meistens aufgrund von Überforderung, Müdigkeit oder Hunger. Das Verhalten fordert uns sehr, besonders weil es noch einen kleinen Bruder gibt, der dann auch in Mitleidenschaft gezogen wird. Da ist es nicht immer leicht ihr den nötigen Raum zu bieten.
    Ich kenne dieses „in-der-Wut-gefangen-sein“ auch von mir aus meiner Kindheit. Meine Eltern sind damit nicht einfühlsam umgegangen. Das war sehr verletzend. Es ist nicht leicht, aber ich gebe mir größte Mühe, es bei meiner Tochter besser zu machen.
    Liebe Grüße Liz

    • meand3kids says:

      Hallo Liz, danke für deine Worte. Ja in der Tat, Wutanfälle sind nie einfach, vor allem wenn es noch Geschwister gibt.
      Man selber hat ja auch dann noch gute und schlechte Tage. Aber ich glaube das wichtigste ist sich dessen bewusst zu sein,
      dann hat man schon viel gewonnen. Alles Gute Pia

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