Mein Kind geht auf Zehenspitzen… Ist das normal?

Der Zehenspitzengang. Jeder Elternteil kann ihn irgendwann einmal beobachten und fast jeder fragt sich: Ist das Zehenspitzengangnormal? Wie lange kann mein Kind so gehen, dass es noch im natürlichen Bereich liegt? Diese Fragen sind wohl einige der am häufigsten gestellten Fragen in der Entwicklung des Kindes.

Wenn man mit verschiedenen Ärzten und Therapeuten spricht, so erhält man auch hier die unterschiedlichsten Aussagen, von „das verwächst sich noch“ bis hin zur genauen Abklärung kann alles möglich sein. Tatsache ist, dass der Zehenspitzengang eine sehr breites Spektrum hat. Von der normalen Entwicklung bis hin zu einer ernsthaften Erkrankung kann hier alles möglich sein.

Darum möchte ich euch heute meine Gedanken zu diesem Thema mitteilen.

Was ist der Zehenspitzengang?

Der Begriff Zehenspitzengang ist genau genommen falsch, da die Kinder mit dem Vorfuß auftreten und die Zehen dabei flach auf dem Boden liegen (Weber 1978). Das wirkliche Stehen auf der Zehenspitze kennen wir ja eigentlich vom Ballett- vom Spitzentanz. In der Literatur wird er aber als Zehenspitzengang definiert und bezeichnet.

Was ist die Norm?

Oftmals wird der Zehenspitzengang als vorübergehendes Phänomen bei Kindern beschrieben, welche gerade das laufen lernen. Das frühe Gangmuster von Kindern zeigt sich durch den Kontakt mit der Ferse oder mit dem ganzen Fuß. Im Laufe des 2. Lebensjahres entwickelt sich dann der charakteristische Fersen- Zehen- Gang.

Die Norm ist also der charakteristische Fersen- Zehen- Gang mit initialem Fersenkontakt ab 18 Monaten und dem Fersen- Zehen- Gang ab dem 3 Lebensjahr.

Warum laufen Kinder auf ihren Zehen

Die Definition des Zehenspitzengangs ist einfach und schnell erklärt, aber das WARUM? ist nicht so einfach zu erklären.

Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum Kinder ein Gangmuster im Zehenspitzengang entwickeln. So könnte eine taktile Abwehrhaltung in den Füßen bestehen oder auch ein propriozeptives oder vestibuläres Problem. Die Ursache für einen Zehenspitzengang könnte aber auch eine neurologische Störung wie etwa eine Zerebralparese oder eine Muskeldystrophie sein. Auch der Autismus wird im Zusammenhang mit dem Zehenspitzengang beschrieben. Möglich wäre auch eine angeborene Verkürzung der Achillessehne oder der Wadenmuskulatur, welche so fest ist, dass das Kind nicht in der Lage ist, die Ferse auf dem Boden aufzusetzen. Ein weiteres Beispiel wäre, dass das Gangbild zur Gewohnheit wurde und dadurch kam es zu einer Verkürzung der Sehnen, welche es unmöglich machen die Ferse aufzusetzen. Zuletzt wäre noch zu erwähnen, dass es Kinder gibt, bei welchen man auch nach ausführlicher Anamnese und Untersuchungen keine Auffälligkeiten finden kann. Dies bezeichnet man als ideopathischen Zehenspitzengang (Tidwell 1999). Bei diesen Kindern entwickelt sich in vielen Fällen im Lauf der Zeit spontan ein normales Gangbild.

Behandlungsmöglichkeiten beim Zehenspitzengang

Hier hängt natürlich die therapeutische Behandlung immer von der Ursache ab. Neben einer ärztlichen Untersuchung auf neurologische und anderer Erkrankungen, wird unter anderem beurteilt, ob sich die Wadenmuskulatur und die Achillessehne ausreichend verlängern und verkürzen kann, ob es Veränderungen am Fuß des Kindes gibt, wie etwa an den Knochen oder Gelenken, welche aufgrund des Zehenspitzenganges entstanden sind. Beim Gehen wird beobachtet, ob das Kind immer auf den Zehenspitzen läuft oder ob es auch in der Lage ist, den Boden mit der Ferse zu berühren.

Die Behandlungsmöglichkeiten sind angesichts der Möglichkeiten an Ursachen sehr vielfältig. Hier werden oftmals Einlagen verordnet, konventionelle Physiotherapie zur Behandlung von Fußstrukturen, serielles Gipsen um allmählich die Ferse in Richtung Boden zu befördern, Botox- Injektionen um ein Erschlaffen der Wadenmuskulatur zu ermöglichen und in sehr schweren Fällen wird eine chirurgische Verlängerung der Achillessehne durchgeführt. Spezielle Pyramideneinlagen werden in der Literatur auch beschrieben.

Wenn die Ursache ein sensorisches Problem darstellt, nämlich dass dem Kind das Gefühl des Auftretens auf den Boden unangenehm ist, kann mit verschiedenen therapeutischen Maßnahmen der sensorischen Integration gearbeitet werden. Hier können zum Beispiel die Füße mit Bürsten sensibilisiert werden, mit Vibrationen und Druck spielerisch auf den Boden, das Gehen vorbereitet und langsam übergeleitet werden.

Es gibt viele Möglichkeiten der Behandlung und auch viele Widersprüche. Sehr viele Behandlungsmethoden sind statisch, der Gang des Menschen ist jedoch dynamisch. Daher bin ich der Meinung, dass jedes Kind genau beobachtet werden sollte. Jedes Kind ist anders und reagiert auch unterschiedlich auf die verschiedenen Behandlungsmethoden. Einmal mehr, einmal weniger oder gar nicht. Das Wichtigste ist, sein Kind zu beobachten, sich seiner Beobachtung bewusst zu sein und diese zu überwachen. Und wenn wir uns noch unsicher sind, dann sollten wir uns nicht mit allgemeinen Aussagen zufrieden geben.

Was kannst du nun machen?

Wenn dein Kind im Alter von über 2 Jahren noch immer regelmäßig im Zehenspitzengang geht, dann ist es sinnvoll einmal den vertrauten Kinderarzt aufzusuchen.

Der Kinderarzt wird dann einfache Tests machen und das Kind beobachten. Vielleicht „wächst“ es sich noch aus, vielleicht aber auch nicht. Möglicherweise stellt der Kinderarzt aber auch eine sensorische Verarbeitungsstörung fest oder er leitet euch zu einem Orthopäden oder Neurologen weiter.

In jedem Fall, ist es wichtig, wenn wir als Eltern besorgt sind, dann sollten wir unseren Kinderarzt oder Therapeuten aufsuchen und ihn um ein Gespräch bitten. Wir kennen unsere Kinder am Besten!

Es ist wichtig, dass wir uns um Dinge kümmern, wenn sie noch klein sind, um größeren Schäden vorzubeugen.

Alles Liebe Pia

 

 

 

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